Dark Mode On / Off
Mikrophone vor blauem Hintergrund

Interview mit Beate Baylie

Austausch von Erfahrungswissen zur Fremdsprachengeragogik 

1. Wieso lernt jemand im Alter eine Sprache? Was ist seine Motivation? 

Das ist oft recht unterschiedlich. Zu den Hauptgründen für die Teilnahme an einem Sprachkurs  gehören sicher das Reisen und die Verwandtschaft. Ich habe viele in den Kursen, die gerne reisen und  sich grob verständigen können wollen. Etliche haben ihre Verwandtschaft im Ausland und möchten  den Kontakt zu ihnen halten. Generell merken auch viele, dass sie etwas für ihren Kopf tun müssen. Rund 80% der Teilnehmenden sind Frauen. Männer nehmen meist als Ehepartner teil. Während des Sprachkurses tritt bei zahlreichen Teilnehmenden das Gemeinschaftsgefühl (wir machen was zusammen) sehr stark in den Vordergrund. Ich weiss aber nicht, ob es die ursprüngliche  Intention* für den Kursbesuch darstellte. Ich habe eine Gruppe, die ist nun 12 Jahre bei mir. Nach  den Englischkenntnissen darf man dabei nicht direkt fragen, aber sie geniessen dieses  Gemeinschaftsgefühl unglaublich.  

2. Welche positive Wirkung hat das Lernen einer Fremdsprache auf einen älteren Menschen?  Was konnten sie in Ihren Kursen beobachten?  

Das Sprachen lernen hat einen positiven Einfluss in ganz vielen Bereichen. 

Viele kommen im Alltag viel besser zurecht, vor allem beim Einkauf, im Umgang mit Handy und PC  (z.B. englische Beschreibungen auf ganz vielen Artikeln). Die vielen Anglizismen* in unserem Alltag  werden von den Senioren/innen oftmals nicht verstanden. Sie fühlen sich dadurch ausgeschlossen und viele werden dafür sogar noch belächelt.  

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Stärkung des Gruppengefühls. In den Stunden ist mir Humor,  Spiel und Spass sehr wichtig. Durch die keine Gruppengrösse (max. 8 TN) herrscht eine gemütliche  Atmosphäre und es findet ein Austausch statt.  

Durch spielerische Übungen wird nicht nur das Englisch aktiviert, sondern es werden auch viele  andere wichtige Hirnareale angesprochen und Fähigkeiten trainiert.  

Auch schlechte Erfahrungen mit dem Sprachenlernen in der Vergangenheit werden von den TN eingebracht. So können auch Ängste und Hemmungen revidiert und aufgelöst werden.  Sie lernen neue Kontakte kennen (soziale Interaktion) und das Selbstvertrauen wird gestärkt.  

3. Wie lernt der ältere Mensch gerne? Was sind Ihre Erfahrungen? 

Die Teilnehmenden in den Sprachkursen mögen gerne Spiele, Humor aber auch mal den  Wettbewerb. Ich arbeite auch viel mit Bildkarten. 

Wichtig ist auch, es gibt das Wort «falsch» nicht. Ich korrigiere, indem ich z.B. den Satz noch einmal  richtig wiederhole, ohne ihn gross zu werten und zu thematisieren. Manchmal hilft das schon, und  der/die TN spricht den Satz anschliessend korrekt aus.

Ich versuche die Grammatik zu minimieren und benutze dieses Wort auch nie. Grammatik wird in  Form von Spielen gelernt und eingeübt. 

Es gibt auch keinen Druck in meinen Gruppen, ich versuche bewusst die Hemmschwelle möglichst  klein zu halten. So trauen sich die TN mehr zu und dies stärkt wiederum ihr Selbstvertrauen.  Mir ist auch wichtig, dass die TN das Englisch authentisch erleben, dass sie sehen, dass man die  Sprache auch nutzen kann. Dazu nehme ich Gegenstände aus England mit (Verpackungen,  Speisekarten aus einem Pub usw.). 

4. Wie sieht eine ganzheitliche Englischstunde aus (Einstieg, Hauptteil, Ausstieg)? 

Einstieg: Besprechung der Hausaufgaben von der letzten Stunde, spielerisch die Vokabeln  wiederholen und anschliessend ein Spiel, welches die neuen Wörter einführt. Hauptteil: Lesen eines Textes oder Dialoges aus dem Lernmittel «Autumn Years – Englisch für  Senioren, Band 1-4» (Anm. der Autorin) und anschliessendes Besprechen der Verständnisfragen.  Danach können Bilder im Lehrmittel oder Bildkarten zur Festigung des gelernten Inhaltes verwendet  werden.  

Ausstieg: Ich unterrichte meistens eine Stunde. In der letzten Viertelstunde mache ich mit den TN  gerne Spiele. Dabei kommen Spiele wie Kofferpacken, Vokabeln-Klatschen, Würfeln, Fragekärtchen,  Geschichten erfinden usw. zum Einsatz. 

Wichtig ist mir, dass die TN mit einem Lächeln aus dem Raum gehen. 

Beate Baylie

5. Was sind die Herausforderungen für die Kursleitung in Bezug auf Ihre Rolle?

Als Kursleiterin braucht man natürlich sehr viel Geduld, Zeit und Verständnis. Man darf auch die  Ansprüche an sich selbst nicht zu hoch setzen. Oft geht es in den Stunden auch weit über das  Englisch hinaus, denn viel Privates der TN wird in die Stunden hineingetragen.  Wichtig ist auch, dass man offen ist, aber nicht wertet, denn die Senioren/innen haben noch ganz  andere Wertvorstellungen. Defizite der TN wie z.B. Höreinschränkungen akzeptieren und das Beste  daraus machen. Kein Druck, viele Wiederholungen und viel Lob.  

6. Welche Vorteile und Herausforderungen geben sich bei heterogenen Gruppen?

Ich finde es toll, wenn es in der Gruppe stimmt, wenn sie menschlich miteinander auskommen. Dies  ist mir wichtiger als das Sprachniveau. Die Gruppe soll auch die Lehrperson mögen.  Ich finde es schwierig zu sagen, was überhaupt eine homogene Gruppe ist. Auch wenn eine Gruppe  homogen startet, sie kann schnell zu einer heterogenen werden. Denn die TN entwickeln sich immer  unterschiedlich. Eine Herausforderung sind generell die Unterschiede in Lerngeschwindigkeit und  Merkfähigkeit.  

7. Können Sie sich vorstellen, dass das Sprachen lernen auch in einer Institution als Angebot der  Aktivierung sinnvoll ist? Wieso? 

Ich selbst habe nie Kurse im Alters- und Pflegeheim gegeben. Ich habe aber Kolleginnen, die das  machen und mir positive Feedbacks gegeben haben. 

Ich kann mir das sehr gut vorstellen, denn ich denke, dass man bei vielen Senioren/innen an altes Wissen anknüpfen kann und noch ganz andere Hirnregionen aktiviert werden können. Das Gehirn ist  ein ganz faszinierendes Organ. Ich kann mir auch vorstellen, dass durch sinnliche Erfahrungen wie  z.B. mit Musik und Bildern positive Emotionen geweckt werden können. 

Viele Mitarbeitende haben einen Bezug zu Englisch, auch da sehe ich Anknüpfpunkte, wo die TN das  noch einmal üben können und positiv bestärkt werden. 

8. Was möchten Sie mir sonst noch mitgeben? 

Das Folgende möchte ich gerne noch mitgeben, dies ist mir ein persönliches Anliegen:  Seniorinnen und Senioren werden oft unterschätzt. Sie sind ein toller und wichtiger Teil unserer  Gesellschaft, werden aber oft zu wenig wertgeschätzt. Es macht jedoch riesigen Spass mit ihnen zu  arbeiten und es ist für mich eine sinnvolle Tätigkeit.